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Gottfried Keller schildert den Brauch, wie er zu seiner Zeit gefeiert wurde, in einem Brief an Ludmilla Assing vom 2.1.1858:

»Unsere Straßen sind heute ganz mit geputzten Kindern bedeckt, welche von Mägden und Bedienten herumgeführt werden. Auf Neujahr geben nämlich die gelehrten, künstlerischen, militärischen, wohltätigen und andere Gesellschaften sogenannte Neujahrsstücke heraus, welche Biographien verdienter Mitbürger, lokalgeschichtliche Monographien u. dgl. enthalten nebst Porträts und Kupfern aller Art, je nach dem Gebiet der Gesellschaft, zur Belehrung und Ergötzung der Jugend. Diese Hefte läßt man am 2. Januar durch die festlich geputzten Kinder auf den Gesellschaftslokalen abholen, wo einige wohlwollende, freundliche Herren sitzen und aus langen, neuen Tonpfeifen Tabak rauchen, der auf einem silbernen Teller liegt. Die Kinder überbringen in ein Papier gewickelt ein Geldgeschenk für die Gesellschaftskasse (die sämtlichen Päckchen tragen sie in einem niedlichen Körbchen) und erhalten dafür das Neujahrsstück, werden mit Tee, Muskateller und Konfekt bewirtet und dürfen die etwaigen Sammlungen und Raritäten der Gesellschaft besichtigen. So geht’s von Haus zu Haus, und die geöffneten Heiligtümer der alten Stadt sind von einer jubelnden Kinderwelt angefüllt. Seit ein paar Jahrhunderten besteht der Brauch, da einige Gesellschaften ebenso alt sind wie die Musikgesellschaft, die Gesellschaft der Stadtbibliothek und die Feuerwerkergesellschaft, welch letztere in ihren Neujahrsstücken stets martialische Kriegsgegenstände abhandelt zum Vergnügen der Knaben, auch bekommen diese den alten Waffensaal zu sehen mit der ehrwürdigen Kriegsbeute aus früheren Jahrhunderten, während auf dem Musiksaale die kleinen Mädchen kokett ein Morgenkonzert anhören und ihre Mütter nachahmen. Wer keine eigenen Kinder hat, beglückt fremde Kinder, die keine oder unvermögende Eltern haben, mit der Sendung. Einzig die derbe Schützengesellschaft (vierhundert Jahre alt) ist so militärisch geblieben, daß sie statt Schrift und Bild ein Pack Kuchen verabreicht und überdies im Geruche steht, die Jungens mit kleinen Räuschen zu versehen, indem sie dieselben aus ihren alten Ehrenpokalen trinken läßt.«

(G. Keller, Gesammelte Briefe, hg. Carl Helbling, Band 2, Bern 1951, S. 72f.; zitiert bei Albert Hauser, Das Neue kommt. Schweizer Alltag im 19. Jahrhundert, Zürich: NZZ-Verlag, 1989, S. 309.)

Zum Berchtoldstag schreibt Christoph Landolt auf der Seite »Wortgeschichten« des Schweizerischen Idiotikons (3.1.2013) folgendes:

Besonders im Grossraum Zürich und im Gebiet des alten Bern (heute Bern, Waadt, westlicher Aargau) kennt man ihn: den Berchtoldstag, dialektal „Bächteli(s)tag“, „Berchteli(s)tag“, „Berteli(s)tag“ oder „Bärzeli(s)tag“. In der Berner und Zürcher Tradition fällt er auf den 2. Januar, im thurgauischen Frauenfeld auf den dritten Montag im Januar. Doch wer ist Berchtold? Einen Heiligen dieses Namens gibt es nicht, und die Kantone, die den Tag begehen, stehen ohnehin in reformierter Tradition, feiern also keine Heiligentage. Die deutsche Wikipedia spricht von einer keltischen Perchta, die eine Art Frau Holle sei; die russische von einer germanischen Göttin, die englische erinnert an einen seligen Berchtold aus dem Kloster Engelberg, und die französische macht auf Herzog Berchtold von Zähringen aufmerksam.

Die Redaktion des Schweizerischen Idiotikons ging die Sache in Band IV 1538f. (Berchta, berchtelen) und Band XII 962ff. (Berchtelens-Tag) sprachlich an. Mittelhochdeutsch „berchttag“ oder „berchteltag“ und „berchtnacht“ waren Bezeichnungen für das Fest der Epiphanie, die „Erscheinung des Herrn“, welches am 6. Januar gefeiert wird. Griechisch „epiphaino“ bedeutet „erscheinen, hervorglänzen, hervorleuchten“, mittelhochdeutsch „bercht“, „berchtel“ heisst „glänzend, leuchtend“ (wie heute noch englisch „bright“, hell). Es ist damit am wahrscheinlichsten, dass „bercht(el)tag“ eine Lehnübersetzung von „epiphaneia/epiphania“ ist, dem griechisch-lateinischen Namen für das Fest der Erscheinung des Herrn. Vielleicht hat bei der Übersetzung auch mitgespielt, dass die am 6. Januar vorgetragene Lesung aus Jesajas mit „Surge, illuminare, Ierusalem, quia venit lumen tuum, et gloria Domini super te orta est“ (Mach dich auf, Jerusalem, werde licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn ist aufgestrahlt über dir) beginnt. Weil „Bercht-“ in späterer Zeit nicht mehr verständlich war, wurde es dialektal vielfach umgeformt bzw. schriftsprachlich mit dem Personennamen Berchtold verbunden. Das Brauchtum hingegen – soweit es nicht wie in Zürich „nur noch“ eine reformatorisch-gesittete Abgabe von Neujahrsblättern ist – steht im Kontext des allgemeinen Winter-, Jahreswechsel- und Fasnachtsbrauchtums.