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Neujahrsblätter am Bëëchtelistag

»So kommet ihr auch wieder zu uns, ihr lieben jungen Freund  und Freundinnen! Wir erinnern uns itzt auch, wie wir vor vielen Jahren die Stubenhitzen herumtrugen. Wir machten es, wie ihr; wir redeten Wochen vorher von Bächtelistag; freuten uns auch auf alles, was wir für unsere Stubenhitzen heimkramen könnten; wunderten, was für Helgen und Erzählungen es geben werde — so wie ihr.«
So beginnt das 27. Stück »An die  lernbegierige Zürcherische Jugend auf den Neujahrstag 1805. Von der Gesellschaft auf der Chorherren«.
• Stubenhitze: Geschenk (ursprl. in Naturalien, dann Geld), das Kinder am Neujahrstag oder 2.Jan. auf die Zunftstube brachten, damit auch im Winter geheizt werden konnte; die Kinder wurden mit Kupferstichen und dazu gehörigen Abhandlungen beschenkt. (F.J.Stalder, Idiotikon, II, 1812) —
• Helgen
: zunächst Heiligenbild, dann einfach kleines Bild auf Papier, Bilderbogen.

[Henri Meister, 1744–1826], Voyage de Zurich a Zurich par un vieil habitant de cette ville. Zürich: chez Orell, Füssli et Comp. 1818 > http://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/7963851

»D’abord n’est ce pas une institution tout-à-fait intéressante tout-à-fait poétique que celle d’avoir choisi les innocentes mains du premier âge pour apporter, le lendemain du nouvel an, aux différentes associations de bienfaisance, de civisme, de littérature, d’arts et de scienses établies dans la ville, de petites contributions absolument libres et volontaires, mais dont la totalité forme cependant un objet assez considérable; en échange on leur donne, premièrement quelques friandises, ensuite une gravure représentant un trait remarquable de notre histoire, ou la sujet d un conte, d’un apologue avec des explications à la portée de leur âge, ou qui pourront l’être du moins, dès que leur intelligence se trouvera plus développée. C’est un tableau vraiment charmant que celui de toute cette génération naissante vêtue en habit de fête, s’empressent de tout côté d’arriver au but proposé depuis plusieurs jours à la curiosité confuse de ses désirs, à l’intérêt de ses premières espérances. Dans ces nombreux groupes d’enfans, les uns sont conduits par la main de leurs parens, d’autres portés sur les bras de leur bonnes, sont précédés ou suivis par leurs aînés, les uns avec l’air de s’engager hardiment dans la carrière de la vie, les autres plus timides, plus posés, n’y marchant qu’avec une sorte de réserve et de défiance, d’autres encore s’éparpillant de droite et de gauche prêts à se laisser distraire par tout ce qu il rencontreront sur leur route.«

Übersetzung von Conrad Ulrich (Henri Meister, Eine Reise von Zürich nach Zürich, Zürich: Berichthaus 1971, S.63f.):
»Ist nicht die Einrichtung bemerkenswert und poetisch, dass man unschuldige Kinderhände dazu ausersehen hat, am Tag nach Neujahr den verschiedenen wohltätigen, literarischen und patriotischen, den künstlerischen und wissenschaftlichen Vereinigungen der Stadt kleine, freiwillige Beiträge zu überbringen – deren Gesamtheit übrigens eine ganz beträchtliche Summe ausmacht. Als Gegenleistung gibt man den Kindern erst einige Leckerbissen und dann einen Kupferstich, der ein wichtiges Ereignis aus unserer Geschichte, das Thema einer Erzählung oder einer Fabel festhält, begleitet von Erklärungen, die sie bereits in ihrem Alter oder erst dann begreifen können, wenn ihr Intellekt etwas entwickelter ist. Es ist ein entzückendes Bild, diese ganze heranwachsende Generation im Festkleid zu sehen, wenn sie sich von allen Seiten beeilt, an das Ziel zu gelangen, welches seit Tagen ihren Wünschen, ihrer Neugierde vorschwebt und bei dem ihre kindlichen Hoffnungen verweilen. Die einen aus den vielen Kindergruppen werden von den Eltern an der Hand geführt, andern, welche auf den Armen der Mägde getragen werden, folgen ihre älteren Geschwister oder gehen ihnen voran; einige machen den Eindruck, als ob sie sich mutig für ihren Aufstieg im Leben einsetzen möchten, andere, etwas schüchterner und bedächtiger, gehen mit Zurückhaltung und beinahe etwa Misstrauen; wieder andere schließlich schauen nach rechts und links und sind bereit, sich durch alles und jedes, was ihnen über den Weg läuft, zerstreuen zu lassen.«

Gottfried Keller schildert den Brauch, wie er zu seiner Zeit gefeiert wurde, in einem Brief an Ludmilla Assing vom 2.1.1858:
»Unsere Straßen sind heute ganz mit geputzten Kindern bedeckt, welche von Mägden und Bedienten herumgeführt werden. Auf Neujahr geben nämlich die gelehrten, künstlerischen, militärischen, wohltätigen und andere Gesellschaften sogenannte Neujahrsstücke heraus, welche Biographien verdienter Mitbürger, lokalgeschichtliche Monographien u. dgl. enthalten nebst Porträts und Kupfern aller Art, je nach dem Gebiet der Gesellschaft, zur Belehrung und Ergötzung der Jugend. Diese Hefte läßt man am 2. Januar durch die festlich geputzten Kinder auf den Gesellschaftslokalen abholen, wo einige wohlwollende, freundliche Herren sitzen und aus langen, neuen Tonpfeifen Tabak rauchen, der auf einem silbernen Teller liegt. Die Kinder überbringen in ein Papier gewickelt ein Geldgeschenk für die Gesellschaftskasse (die sämtlichen Päckchen tragen sie in einem niedlichen Körbchen) und erhalten dafür das Neujahrsstück, werden mit Tee, Muskateller und Konfekt bewirtet und dürfen die etwaigen Sammlungen und Raritäten der Gesellschaft besichtigen. So geht’s von Haus zu Haus, und die geöffneten Heiligtümer der alten Stadt sind von einer jubelnden Kinderwelt angefüllt. Seit ein paar Jahrhunderten besteht der Brauch, da einige Gesellschaften ebenso alt sind wie die Musikgesellschaft, die Gesellschaft der Stadtbibliothek und die Feuerwerkergesellschaft, welch letztere in ihren Neujahrsstücken stets martialische Kriegsgegenstände abhandelt zum Vergnügen der Knaben, auch bekommen diese den alten Waffensaal zu sehen mit der ehrwürdigen Kriegsbeute aus früheren Jahrhunderten, während auf dem Musiksaale die kleinen Mädchen kokett ein Morgenkonzert anhören und ihre Mütter nachahmen. Wer keine eigenen Kinder hat, beglückt fremde Kinder, die keine oder unvermögende Eltern haben, mit der Sendung. Einzig die derbe Schützengesellschaft (vierhundert Jahre alt) ist so militärisch geblieben, daß sie statt Schrift und Bild ein Pack Kuchen verabreicht und überdies im Geruche steht, die Jungens mit kleinen Räuschen zu versehen, indem sie dieselben aus ihren alten Ehrenpokalen trinken läßt.«
(G. Keller, Gesammelte Briefe, hg. Carl Helbling, Band 2, Bern 1951, S. 72f.; zitiert bei Albert Hauser, Das Neue kommt. Schweizer Alltag im 19. Jahrhundert, Zürich: NZZ-Verlag, 1989, S. 309.)

Zum Berchtoldstag schreibt Christoph Landolt auf der Seite »Wortgeschichten« des Schweizerischen Idiotikons (3.1.2013) folgendes:
Besonders im Grossraum Zürich und im Gebiet des alten Bern (heute Bern, Waadt, westlicher Aargau) kennt man ihn: den Berchtoldstag, dialektal „Bächteli(s)tag“, „Berchteli(s)tag“, „Berteli(s)tag“ oder „Bärzeli(s)tag“. In der Berner und Zürcher Tradition fällt er auf den 2. Januar, im thurgauischen Frauenfeld auf den dritten Montag im Januar. Doch wer ist Berchtold? Einen Heiligen dieses Namens gibt es nicht, und die Kantone, die den Tag begehen, stehen ohnehin in reformierter Tradition, feiern also keine Heiligentage. Die deutsche Wikipedia spricht von einer keltischen Perchta, die eine Art Frau Holle sei; die russische von einer germanischen Göttin, die englische erinnert an einen seligen Berchtold aus dem Kloster Engelberg, und die französische macht auf Herzog Berchtold von Zähringen aufmerksam.

Die Redaktion des Schweizerischen Idiotikons ging die Sache in Band IV 1538f. (Berchta, berchtelen) und Band XII 962ff. (Berchtelens-Tag) sprachlich an. Mittelhochdeutsch „berchttag“ oder „berchteltag“ und „berchtnacht“ waren Bezeichnungen für das Fest der Epiphanie, die „Erscheinung des Herrn“, welches am 6. Januar gefeiert wird. Griechisch „epiphaino“ bedeutet „erscheinen, hervorglänzen, hervorleuchten“, mittelhochdeutsch „bercht“, „berchtel“ heisst „glänzend, leuchtend“ (wie heute noch englisch „bright“, hell). Es ist damit am wahrscheinlichsten, dass „bercht(el)tag“ eine Lehnübersetzung von „epiphaneia/epiphania“ ist, dem griechisch-lateinischen Namen für das Fest der Erscheinung des Herrn. Vielleicht hat bei der Übersetzung auch mitgespielt, dass die am 6. Januar vorgetragene Lesung aus Jesajas mit „Surge, illuminare, Ierusalem, quia venit lumen tuum, et gloria Domini super te orta est“ (Mach dich auf, Jerusalem, werde licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn ist aufgestrahlt über dir) beginnt. Weil „Bercht-“ in späterer Zeit nicht mehr verständlich war, wurde es dialektal vielfach umgeformt bzw. schriftsprachlich mit dem Personennamen Berchtold verbunden. Das Brauchtum hingegen – soweit es nicht wie in Zürich „nur noch“ eine reformatorisch-gesittete Abgabe von Neujahrsblättern ist – steht im Kontext des allgemeinen Winter-, Jahreswechsel- und Fasnachtsbrauchtums.