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Globuspokal
Carlous Magnus
     
 


Der Silberschatz der Chorherren; in der Mitte der von Abraham Gessner (1552–1613) geschaffene Globuspokal. (Neujahrsblatt der Stadtbibliothek auf das Jahr 1860)

Die Vorzeichnung von Karl Friedrich Irminger (1813–1863) ist hier digitalisiert: http://dx.doi.org/10.7891/e-manuscripta-35914

Der Globuspokal ist 49 cm hoch. Auf einem kleinen Podest steht eine Figur, welche die Erdkugel (15,5 cm Durchmesser) hochstemmt, und auf dieser selbst ist ein Himmelsglobus befestigt, der den Fixsternhimmel abbildet. (Die Becher und der Globus sind auf der Zeichnung nicht maßstäblich gleich dargestellt.)
Am 4. Juli 1673 beschloss der »Convent der Verordneten zur Lehr« (die Chorherren) den Ankauf des Globusbechers zum Preis von 180 fl. (Die Kaufkraft von 1 fl. = Gulden ist schwer abzuschätzen.)

Es ist das Werk des Zürcher Goldschmieds Abraham Gessner. Gessner wurde 1552 geboren; er ist verwandt mit dem Polyhistor Conrad Gessner (1516–1556), und verschwägert mit dem Nürnberger Graphiker und Holzschneider Jost Amman (1539–1591). Abraham war in seiner Lehr- und Wanderzeit in Nürnberg, woher sein Grossvater stammt. 1572 heiratete er Ursula Rahn; das Domizil war an der Froschaugasse. Zehn Kinder sind dieser Ehe entsprossen. Gessner war zunächst Zünftig bei der Saffran, dann bei der Meise. 1576 nahm er an der legendären Hirsebrei-Fahrt nach Strassburg teil.

Abraham Gessner war Täufer, ein Anhänger von Caspar Schwenckfeld. Die Zwinglianische Kirche war den Täufern bekanntlich nicht wohlgesinnt; konnte die Bewegung aber nie richtig ausrotten. 1588 ergoss sich erneut der Unwillen über die Baptisten, denen man den Tod androhte. Gessners Geschäft wurde konfisziert (bei einem Goldschmied ein guter Fang), und er musste emigrieren. Er flüchtete nach Strassburg, wo er mit offnen Armen empfangen wurde und sofort weiterarbeitete. Gestorben ist er 1613 – nicht in seiner Heimatstadt.

Jacobus ten Doornkaat-Koolman, Täufer in Zürcher Zünften, Zürcher Taschen-Buch 1970, NF 98, S. 312–347.

Urs B. Leu / Christian Scheidegger (Hrsg.) , Die Zürcher Täufer 1525–1700 Zürich tvz 2007, S. 145–147.

Abraham Gessner ist nicht der erste, der einen solche Globuspokal schuf. Der Zürcher Goldschmied Jakob Stampfer (1505/6–1579) hat das Arrangement 1554 erfunden. Aber Gessner wurde dann in ganz Europa mit seinen Globuspokalen berühmt; Kardinal Richelieu und Kardinal Mazarin besassen wahrscheinlich einen. 16 Exemplare sind überliefert; die meisten davon im Besitz von Adligen. Gessner schuf auch andere Silberarbeiten; Schalen und Becher. – Dass diese Meisterwerke erhalten geblieben sind, zeugt von ihrer Höchschätzung. (Man muss bedenken, dass einst der Materialwert wesentlich höher war als der Arbeitslohn, und dass man Silberschmuck gelegentlich wieder einschmolz, um Geld zu bekommen oder um einen neumodisches Werk daraus zu schaffen. Viele Kunstwerke sind bei der Napoleonischen Befreiung 1789/1803 verschwunden.)

Fritz Nagel, Der Globuspokal von Jakob Stampfer (Basler Kostbarkeiten 17), Basel 1996.

Zu den Besitzern vgl. die Liste bei Eva-Maria Lösel, Zürcher Goldschmiedekunst vom 13. bis zum 19.Jh., Zürich: Berichthaus 1983, S. 96ff.: Erzherzog Ferdinand II., dänisches Königshaus, Graf Eberhard von Rappoltstein, Francis Drake, Graf Ferdinand von Waldburg-Wolfegg, Herzog Karl IV. von Lothringen, Earl of Carlisle.


Um zu ermessen, wie gegenwartsnah Gessners Globen waren, muss man sich vorstellen, wie es mit der Kartographie in den Jahren 1580 bis 1610 bestellt war. Die grossen Entdeckungsreisen vom Kolumbus, Vasco da Gama, Magellan, da Moto, Drake sind passé; es geht jetzt um eine Differenzierung der Erbeschreibung. Jede Expedition oder Handelsunternehmung lieferte neue Informationen, die sofort verarbeitet wurden. 1570 druckte Abraham Ortelius (1527-1598, ein Freund vom Gerard Mercator) in Antwerpen sein »Theatrum Orbis Terrarum«, ein Karten-Werk, das bis 1612 41 Mal in verbesserter Auflage erschien. Es gab auch Konkurrenz-Unternehmungen: Mercators Werk (1595 erstmals mit dem Werktitel »Atlas« bezeichnet; Atlasfigur auf dem Frontispiz!); Petrus Plancius (1552–1622); Gérard de Jode 1578/1593.

Von der Bildmitte bis oben rechts ersichtlich: die Chinesische Mauer mit Türmen und Maßangabe: Murus 400 Leucarum longitudine

Gessner nahm eifrig alle neuen Informationen auf und setzte sie in seinen Globen graphisch um. Auf seiner Weltkugel ist Nordamerika noch ziemlich leer; die grossen Seen dort kennt er noch nicht. Hingegen ist die Magellan-Strasse und die Bering-Strasse bereits verzeichnet, ebenso Nova Zembla, das erst 1568 entdeckt wurde. Neu Guinea, das er als Insel zeichnet, schreibt er so an: Nova Gunea, nuper inventa, que an sit insula, an pars continentis australis incertum est – er gibt also zu, dass man etwas noch nicht weiss. Interessant ist, dass er die chinesische Mauer einzeichnet, mit der Maß-Angabe: murus 400 [quadringentarum] leucarum longitudine (leuga = gallische Meile = ca. 2  1/4 km); damit hat er die Länge unterschätzt.)

Das Haupt von Atlas [?]

Wer aber ist mit der Figur gemeint, die den Globus trägt? Zuerst denkt man an den Riesen Atlas, der – je nach Quelle – einer der Titanen ist, die gegen Zeus aufbegehrten und den Kürzeren zogen; Atlas muss zur Strafe die Erdkugel tragen (Hygin, Fabulae 150). – Seltsam ist indessen, dass die Figur den linken Fuss auf eine Kugel gestützt hat. Das erinnert an die Geschichte von Herakles, der die Äpfel aus dem von einem Drachen bewachten Garten der Hesperiden holen muss und Atlas bittet, die Arbeit für ihn zu machen, während er an dessen Stelle mittlerweile die Erde trägt; Atlas bezeugt nach seiner Rückkunft mit den Äpfeln wenig Lust, die Erde wieder zu übernehmen. Der schlaue Herakles bittet Atlas, die Erde nur kurz zu halten, um sich das Gewand so zu ordnen, damit die Kugel bequemer zu tragen sei, und macht sich mit den Äpfeln aus dem Staub (Apollodors Bibliothek 2, 120). – Vielleicht erinnert die goldene Kugel an diesen oder einen anderen Mythos. – Bei zweien der 16 überlieferten Globuspokale ist die Trägerfigur übrigens Herakles.

Wenn die Figur überhaupt von Gessner stammt. Der Atlas gleicht frappant der Trägerfigur des Noppenbechers von Johann Heinrich Escher, der 1665 zum Bürgermeister gewählt worden ist; vgl. Alain Gruber, Weltliches Silber. Katalog  der Sammlung des Schweiz Landesmuseums, Zürich 1977, Abb. 290.

Das Podest ist verziert mit vier Tieren, die als Symbole der vier Elemente galten: Fisch – Salamander (der durchs Feuer gehen kann) – Vogel – Elefant (für die Erde).

Der Adler bedeutet die Luft.

Der Salamander bedeutet das Feuer.

Im Globuspokal von Abraham Gessner sind Wissenschaft und Kunst vereint; die Tradition der griechischen Mythen und die neuesten Erkenntnisse der Geographie gehen Hand in Hand – und dazu kommt noch die Geselligkeit. Denn: Entlang des Äquators kann man den Globus zerlegen und erhält so zwei Trinkbecher.) Wenn man den Himmelsglobus herausnimmt, dann dient der der Äquatorring der auf den Nordpol gestellten oberen Hemisphäre als Fuss).


Professor Johann Heinrich Heidegger (1633–1698) begrüsst 1676 die von spanischen Galeeren befreiten ungarischen Protestanten in Zürich; zwischen den Personengruppen steht der Globusbecher.

VIIdes Neujahrsstük ab der Chorherren. An die sittsame und lernensbegierige Zürcherische Jugend auf das Neujahr 1785. Von der Gesellschaft der Herren Gelehrten auf der Chorherren[-Stube].
Radierung von Johann Rudolf Schellenberg (1740–1806) aufgrund einer Zeichnung von Johann Martin Usteri (1763–1827).

Bild grösser



Literaturhinweise:

Alexis Kugel, Sphères – The Art of the Celestial Mechanic, Paris 2002.
Die Objekte T4 und T5 sind der detaillierten Beschreibung von Globuspokalen Abraham Gessers gewidmet. – S.60ff. steht eine Biographie. –  Am Schluss eine Liste von 16 bekannten
Globuspokalen Gessners.

Emil Usteri, Die wechselvollen Schicksale eines Globusbechers, in: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte Band 10 (1948-1949), S. 202–206. — Als PDF bei Setro Seals: http://dx.doi.org/10.5169/seals-163479

Eugen von Philippovich, Abraham Gessners Globusbecher in Kopenhagen, in:
Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, Band 18 (1958) S.85–88. > http://doi.org/10.5169/seals-164362

Wolfram Dolz / Esther Wipfler, Artikel »Globus«, in: Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte (2015) > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=95476

Die Schweizerische Gesellschaft für Kartografie hat in Zusammenarbeit mit der ZB Zürich auf dem Kartenblog zum Internationalen Kartenjahr 2015/16 eine hübsche Website zum Globuspokal von Abraham Gessner online gestellt – mit einem pikanten Detail ...
KARTE DER WOCHE – 19/70